Was für eine Geschichte schreibe ich?

Heute Morgen war das Palliative-Care-Team schon zeitig in der Lindenstraße. Ein Einmalkatheter sollte an der Blasenfront Entlastung bringen, und ein Medikament, das die Verdauung pusht, wurde intravenös verabreicht; die bisherige orale Gabe bringt`s nicht. Die Verstopfung bezieht sich leider nicht nur auf die Därme, sondern auch auf den Magen. Und das wiederum führt zu diesen ekligen Übelkeitsattacken. Um das abgegriffene Bild zu nutzen: ‚Es‘ steht mir im wörtlichen Sinn bis zum Hals.

Doch genug der Malesten. Jetzt am späten Abend warte ich immer noch darauf, dass die Push-Wirkung einsetzt. Den Tag heute habe ich vorwiegend dösend verbracht. Ausgeknockt.

Heute Morgen war aber noch etwas: ein seit langem vereinbarter Termin mit dem Onkologen. Gestern war bereits klar, dass ich den Termin nicht in der Arztpraxis würde wahrnehmen können. Ich bat also darum, ihn telefonisch durchzuführen. Wir hatten ein vertrauensvolles, offenes Gespräch. Es brachte nichts Neues, ich muss es dennoch verkraften. Es ist eben ein Unterschied, ob das Wissen nebulös durch die Tage wabert oder ob es ausgesprochen ist, dass sich der Krebs in mir unerwartet heftig und schnell ausbreitet. Eigentlich war es bisher immer dasselbe: Jeder Arzt, jede Ärztin war aufgrund der Befunde und meines Allgemeinzustandes der Ansicht, dass ich gute Chancen habe, dem Krebs für eine ganze Weile die Stirn zu bieten. Sie hatten einen besseren Verlauf erwartet. Was ich liefere, ist definitiv keine Erfolgsgeschichte. Doch wenn nicht das, was dann?

Was für eine Geschichte schreibe ich? Die Kategorien von Sieg und Niederlage passen nicht. Ich will mein Leben nicht als ein Scheitern im Kampf gegen den Krebs betrachten und beschreiben. Ich sehe und empfinde beim Blick auf mein Leben ganz viel Gutes. Noch unfertig, viele Schrammen und Schmerzen, aber eben auch Gutes. Über das Phänomen der Gleichzeitigkeit schrieb ich schon mal: wie faszinierend ich es finde, dass ich mitten in all dem Scheiß so viel Lebensfreude lebe und erlebe.

Ich liebe die Vorstellung, dass sich an seinem Ende mein Leben als Gesamtkunstwerk darstellt. In diese Richtung würde ich meine Geschichte gerne schreiben, mein Lebensbild malen, meinen Lebensteppich knüpfen, mein Leben gestalten – solange ich noch Gestaltungskräfte habe.

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