update ⚕ 16 – Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch

Vorgestern, am Montag, hat Ute versucht, einen neuen Blog-Beitrag zu schreiben. Ihre Kraft reichte nur für zwei Sätze. Sie hat auch am gestrigen Dienstag und am heutigen Mittwoch nicht weiter daran schreiben können.

Für Ute ist es nur schwer aushaltbar, nicht mehr schreiben zu können. Sie freut sich so sehr über ihren eigenen Blog, mit ihm eine Form gefunden zu haben, in der sie das erzählen kann, was sie erzählen will und in dem sie über das nachdenken kann, worüber sie nachdenken will. Sie liebt es zu reflektieren.

Ihr Blog könnte statt tagundnachtgedanken auch gut tagundnachtnachdenken heißen.

Warum ist etwas so und nicht anders, gehört vermutlich zu ihren bevorzugten Fragen. Dass sie in diesen Tagen und Nächten dabei auf "immer mehr" oder – besser – auf "immer größere" unbeantwortbare Warum-Fragen stößt, ist Teil ihrer Reise, auf der wir Lesenden von ihr mitgenommen werden. Ich glaube übrigens, dass Ute "unbeantwortbar" nicht so versteht, dass bestimmte Fragen lebenslang ohne Antworten bleiben, sondern dass wir uns der Beantwortung dieser bestimmten Fragen durch Antworten – vielleicht – nur nähern können.

Apropos "ich glaube": "Das ist mein Blog", sagt Ute, und sie bittet mich, dass wenn ich schreibe, weil sie nicht schreiben kann, ich keine eigenen, persönlichen Blog-Beiträge verfasse, sondern "nur" berichte, wie es mit ihr weitergeht. So wie wir beide es besprachen, hat es Ute auch in "update ⚕ 11 – Zeitalter" (4. Juli 2025) formuliert. Aber nur berichten: Das ist als Liebender und Begleitender nahezu unmöglich. Ich versuche es trotzdem mit der großen Bitte an alle Lesenden, meine Beiträge als externe Texte wahrzunehmen und nicht als Texte, die Utes Blog ausmachen. Das können nur Utes eigene Beiträge, und noch habe ich die Hoffnung, dass Ute – vielleicht, wunderbarerweise – eigene Beiträge schreibt, nicht aufgegeben.

[geschrieben von Christoph am späten Abend des 30. Juli 2025]

Mittwoch

Ute erlebt auch heute einen schwierigen Tag mit nur kurzen Zeiten der Klarheit und ganz wenig Kräften für Gespräche; digitale Kommunikation geht gar nicht. Essen und Medikamenteneinnahme sind langwierig und manchmal urkomisch. Dann bemerkt Ute, die sehr lange nichts sagte: "Ich kann Witze gerade nicht verstehen."

Eine Freundin ist da, Ute liegt in ihrem Bett, wir sitzen lange Zeit auf Stühlen zu jeder Seite, halten Utes Hände. Wir hören ihr Atmen, ihr Stöhnen, wenn sie Schmerzen hat oder wenn sie irgendetwas zu bewegen scheint. Und im Hintergrund das rhythmische Geräusch von ohne Unterlass vorbeifahrenden Autos.

"Mir ist kalt, sehr kalt. Ich will nicht sterben", sagt Ute vor dem Einschlafen.
"Es geht gerade nicht ums Sterben", erwidere ich, "es geht ums Einschlafen, um einen guten Nachtschlaf. Und ich besorge gleich zwei Wärmeflaschen."
Ute lächelt auf eine ganz feinsinnige Art. Und schläft ein.

[geschrieben von Christoph am späten Abend des 30. Juli 2025]

Sonntag, Montag, Dienstag

Ute wollte in ihrem am Montag angefangenen Blog-Beitrag gerne vom Sonntagsbesuch zweier ihrer Kinder erzählen; die Tochter war mit Familie und der älteste Sohn mit Ehefrau angereist. Was Ute sehr gefallen hat: „Es war so friedlich. Alle miteinander. Der Sohn saß auf der einen Seite neben mir und hielt meine linke Hand, die Tochter auf der anderen Seite, und sie hielt meine rechte Hand. Das war schön.“

Seit Sonntag hat Ute große Schwierigkeiten, aus dem Nachtschlaf in einen wachen, bewussten Zustand zu kommen. Sonntag und Montag ging das so am Vormittag, heute am Dienstag den ganzen Tag. Kein klarer Korridor, um weiter an ihrem neuen Blog-Beitrag zu schreiben.

„Ich habe Angst, dass damit das Ende beginnt“, sagt Ute über ihren Dämmerzustand.
„Ja, vielleicht ist es ein Zeichen der fortschreitenden Krebserkrankung“, sage ich, „vielleicht aber nur die zu große Dosis des Schlafmedikaments. Vielleicht beides. Wir nehmen es so, wie es kommt“, füge ich hinzu, auch um mir selbst gut zuzusprechen.“
„Ja“, sagt Ute. Es könnte aber auch ein Ah sein, das sie in ihr Ausatmen fließen lässt.

Heute Dienstagnacht wird das Schlafmittel probeweise auf die Hälfte reduziert.

Wir sitzen lange schweigend nebeneinander auf der Bettkante. Ich streichle die ganze Zeit ihren Rücken, sehe von der Seite, wie sie ihren Blick auf etwas Bestimmtes richtet. „Mich interessiert, was du jetzt siehst“, frage ich sie.
„Ah“, sagt Ute, und jetzt ist es deutlich ein Ah, das sie in ihr Ausatmen fließen lässt.
„Vielleicht ein Wort“, bitte ich sie, „oder einen Titel zu dem, was du siehst oder was du denkst. Du gibst deinen Träumen doch zuerst Titel, bevor du sie aufschreibst. Ja? Hast du einen Titel für das, was du siehst oder denkst?“
„Ah“, sagt Ute wieder, dieses deutliche Ah, das sie in ihr Ausatmen fließen lässt, diesmal mit einem dunklen, trockenen O im Untergrund.

Einige Zeit später, fast am Ende der Abenddämmerung, wir sitzen immer noch nebeneinander auf der Bettkante, frage ich sie, ob sie sich hinlegen will.
Sie antwortet schnell und klar: „Wer immer sich jetzt hier hinlegen will, ich nicht. Ich lege mich nicht hin.“

[geschrieben von Christoph am späten Abend des 29. Juli 2025]

 

Zurück