Und jetzt?
Solange ich mich erinnern kann, habe ich es geliebt, Pläne zu schmieden. Am Anfang war da meistens ein Traum oder auch eine Aufgabe, eine Idee, die sich so nach und nach zu einem Vorhaben entwickelte.
Im Laufe der Jahre habe ich ein ganz ordentliches Organisationstalent entwickelt. Kreativität und die Lust zu gestalten machten mich ebenso aus wie mein Interesse an Menschen, an der Natur, meine Neugier aufs Leben. Ohne es bisher so formuliert zu haben, lautet meine Devise: Wer Lust aufs Leben hat, der muss auch voll reingehen ins Leben, muss tatkräftig zupacken, mitgestalten. Auch mal was riskieren. Selbstwirksamkeit als Treibstoff.
Und jetzt?
In den letzten Wochen beschäftigt mich die Frage, was aus diesen meinen Anteilen wird. Mit der Selbstwirksamkeit erscheint es mir aktuell nicht so weit her. Dass es noch To-Do-Listen gibt – und diese sogar „abgearbeitet“ werden* –, lässt etwas von der „alten Ute“ durchschimmern. Auch gibt es da noch diese unbändige Lust auf Leben. Unbedingt.
Bei den Träumen habe ich es besonders gemerkt, dass sich in mir etwas verändert. Diese bunten „Alles-ist-möglich-Träume“ haben ihre leuchtenden Farben verloren. Die Leichtigkeit, in die ich mich früher manchmal gerettet habe: sie existiert nicht mehr. Es gibt keine Möglichkeit, meinen Körper, der mich ständig herausfordert (Dauerschmerz, Durchbruchschmerz, Verstopfung, Narbenbruch, Polyneuropathien, entzündete Schleimhäute, Diabetes Typ 3c, die vielen Medikamente), auch nur für einen einzigen kleinen Moment zur Seite zu stellen. Langfristige Planungen macht meine Seele (zumindest zurzeit) nicht mit.
Für die kommenden zwei Wochen planen: JA! Da habe ich jede Menge Pläne und die Vorfreude fühlt sich so kribbelig-schön an, wie früher. Natürlich gehört auch die Sorge, dass die Pläne kurzfristig über den Haufen geworfen werden müssen, dazu – aber das war früher auch schon so. So freue ich mich morgen auf Familienbesuch, auf einen Ausflug am Wochenende und dann – ganz großes Kino –: über Pfingsten zu Freunden nach Berlin.
Doch alles, was an Planungen darüber hinausgeht, fühlt sich irgendwie falsch an. Vielleicht weil ich überhaupt nicht wage, um die nächste Ecke zu schauen? Zu bedrohlich erscheint mir, was mich dort erwartet; zu bitter schmeckt der Gedanke, dass längerfristige Planungen einfach keinen Sinn machen. Zugebenermaßen treten solche Gedanken und Gefühle besonders intensiv an Tag 3 nach der Chemotherapie auf. (Jedes Mal denke ich an Tag 3, dass es mir jetzt besser gehen müsste, und jedes Mal fühle ich mich mies.) Und dann entwickelt sich, während ich diese Zeilen schreibe, auch noch ein mächtiges Gewitter, Donner und Hagel inklusive. Ziemlich heftig. Doch schon zieht das Gewitter wieder weiter. Und ich hoffe, dass es meine düstere Befindlichkeit mitnimmt.
* Apropos To-Do-Liste: Ich habe mittlerweile einen feinen burgunderroten Touran erworben. Er ist sogar schon volljährig, sollte also keine größeren Dummheiten mehr anstellen.