Wenn wach, dann wach

Es ist und bleibt die große Herausforderung der bei mir angewandten modularen Schmerzbehandlung, die unterschiedlichen Medikamente so zu dosieren, dass die erwünschte Wirkung mit der unerwünschten Nebenwirkung in eine möglichst optimale Balance kommt. In meinem Fall bedeutet das: Die Schmerzen (verschiedenster Ursachen!) sollen einfach weg sein.
Vielleicht schreibe ich später ausführlicher über Schmerzbehandlung, soviel ist aber aus meiner Sicht schon mal sicher: Länger andauernde starke Schmerzen zermürben. Sie nehmen jede Lebensfreude. Verhindern Zuversicht und erschweren Dankbarkeit.

Bei meinem krebsbedingten Schmerz im Raum der Bauchspeicheldrüse ist Morphium das Mittel der Wahl. Leider nicht ohne Nebenwirkungen. Am gravierendsten ist für mich die Verstopfung. Verstopfung wird gerne augenzwinkernd durch ein Männeken mit verzerrtem Gesicht symbolisiert, das im Klohaus mit Herzchen sitzt und „fitzt“ (in Herleshausen üblicher Ausdruck für drücken, pressen). Bei der Darmträgheit handelt es sich aber um weit mehr. Er kann zum Darmverschluss führen und tödlich enden. Das habe ich in der vergangenen Woche intensiv erlebt und überlebt. Ich „wurde“ entleert, habe mich entleert … wie auch immer … das Ganze ist nun fünf Tage her und das Problem besteht natürlich weiterhin. Wenn ich auch nicht viel, zeitweise gar nichts gegessen habe, so füllt sich der Darm doch langsam wieder. Und dann kam auch noch Harnverhalt dazu. Nach einigen Tagen Katheter konnte ich wieder ganz gut urinieren. Aber seit zwei Tagen geht wieder nichts von selbst. Diese Probleme bestehen also dauerhaft.

Die andere massive Nebenwirkung habe ich in meinem letzten Blog bereits kurz beschrieben. Auch hier handelt es sich um eine Trägheit. Die „Trägheit des Geistes“, die Müdigkeit. Lesen ist mir nicht möglich, weil alles vor den Augen verschwimmt.

Und was mir vorgelesen wird (so auch die lieben Grüße, guten Wünsche und Gedanken) dringt nicht vollständig zu mir durch. Zum Glück gibt es (hoffentlich zunehmend) Zeiten der Wachheit, sodass diese wunderbaren mentalen „Energy Drops“ ihre Wirkung auf allen Ebenen entfalten und ich sie genießen kann. Das tun sie zum Glück auch ohne meine aktive Wahrnehmung. Das spüre ich jeden Tag. Die Heilige Geistkraft weht, wann und wo sie will (Pfingsten ist noch nicht lange vorbei) und vor allem durch Menschen. DANKE euch allen!

Die durch das Morphin verursachte Trägheit und Müdigkeit meines Geistes wirkt sich auch auf das aus, was ich von mir geben möchte. Meine Sprache ist verlangsamt (was unter anderen Umständen bei mir manchmal gar nicht so schlecht wäre) und verwaschen. Ich lalle und frage mich, ob sich „besoffen sein“ so ähnlich anfühlt und auswirkt.

Gestern war nun wieder so ein Tag völliger Müdigkeit. Erschwerend kamen, wohl auch aufgrund der großen Hitze und Schwüle, Kreislaufprobleme hinzu. Auf alle Fälle besprach und verabredete ich gestern Abend mit einem der Fachtherapeuten des Palliativ-Teams, die Dauergabe Morphin zu reduzieren. In der Hoffnung der goldenen Balance etwas näher und vor allem heute zu mehr Wachheit zu kommen. Übrigens: ALLES wird vom Palliativ-Teams ausführlich mit mir erörtert und mein Wunsch ist entscheidend – und auf der anderen Seite wird IMMER alles innerhalb des Palliativ-Teams besprochen: Wo gibt es so etwas sonst im Gesundheitssystem?!

Und heute morgen, nach einer Nacht mit weniger Morphin? Um kurz vor vier Uhr hörte ich die erste Vogelstimme (es ist eine ganze Zeit erstmal nur eine Stimme zu hören, leider weiß ich nicht welcher Vogel das ist, der als frühester vielleicht sogar „den“ Wurm fängt). Und dann lauschte ich mich ein. Nach und nach folgten weitere Stimmen, bis schließlich auch der Schlag der Amsel klar erkennbar war. Auch Schmerzen stellten sich ein, aber in einem erträglichen Maß. So überlegte ich, was ich nun wohl mache. Pinkeln klappte leider (wieder) nicht. Ich suchte und fand etwas zu essen, wunderte und freute mich über mich und meine Wachheit. Nach einem kleinen frühen Morgensnack beschloss ich es, mit Schreiben zu versuchen. So viele Sätze und Blog-Fragmente schwirren in meinem Kopf. So viele Tag-und Nachtgedanken, die ich gerne teilen möchte. Ich leide darunter, dass mir das in den letzten Tagen nicht möglich war. Und nun habe ich geschrieben. Zwei Stunden! Das Schreiben ist auch eine wunderbare Möglichkeit der Ablenkung. Weg von der Fokussierung auf den Schmerz!

Ich habe also „richtig was geschafft“ (wie ich das liebe) und ihr könnt das Ergebnis nun lesen.

Schon jetzt freue ich mich auf meinen Mittagsschlaf und genieße das damit verbundene Gefühl der Normalität.

 

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