Von einem Mantel umhüllt
„Palliativ“ von palliare: „mit einem Mantel umhüllen“, „schützen“, von pallium: „Mantel“ (Wikipedia).
Ich weiß ja nun seit einigen Wochen, dass ich Palliativpatientin bin. Schon vor meiner Erkrankung habe ich mich immer mal wieder mit Themen und Haltungen der Hospizbewegung und Palliativ-Care beschäftigt. Zum Beispiel in Gesprächen mit meiner Tochter, die sich in ihrem Studium und Fachärztinnenausbildung zur Anästhesistin sehr früh für dieses Arbeitsfeld interessiert hat. Es ist vor allem die Haltung und die Möglichkeit, Menschen ganzheitlich zu behandeln und zu begleiten, die meine Tochter bewogen hat, die Zusatzausbildung „Schmerz- und Palliativmedizin“ zu machen. Das gibt es so in keinem Bereich der klassischen (evidenzbasierten) Medizin, die ich schätze und der ich viel verdanke.
Oder in meiner Ausbildung (2010 bis 2012) in Logotherapie und Existenzanalyse: Der Arzt Viktor Frankl, Begründer dieser Therapierichtung, beschrieb in einem seiner Hauptwerke „Ärztliche Seelsorge“ bereits vor 100 Jahren die Notwendigkeit einer „Rehumanisierung der Medizin“. Er hielt es für wichtig, dass Ärzte aller Fachrichtungen eine Haltung und Sprachfähigkeit zu existentiellen Lebensfragen, insbesondere im Angesicht von großem Leid und Tod, entwickeln. Außerdem propagierte er (interdisziplinäre) Teamarbeit auf Augenhöhe – damals ein Novum.
Und nun hat mich das Leben ganz praktisch mitten in diese Fragen katapultiert. Klar habe ich schon daran gedacht, irgendwann ein Palliativ-Care-Team zu kontaktieren. So habe ich in der häuslichen Begleitung meines Vaters auf seinem letzten Weg sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Auf dem „letzten Weg? So weit bin ich aber doch längst noch nicht?
Und doch – auch wenn der Tod noch nicht anklopft – waren meine vergangenen Wochen sehr schwierig: die neue Diagnose, Schmerzen, Übelkeit, Schwäche usw. Und daran sind bei mir Hoffnung, Zuversicht, ja irgendwie alles Seelische stark gekoppelt. Das ergibt manchmal eine rasante Abwärtsspirale. Und dann habe ich VERSTANDEN, dass es absolut sinnvoll ist, ein Palliativ-Care-Team schon jetzt „ins Boot zu holen“.
Nun habe ich dieser Tage ERLEBT, wie wohltuend es ist, mit einem ausgesprochen emphatischen und kompetenten Duo von Arzt und Pflegefachkraft am Küchentisch zu sitzen und in Ruhe den Medikamentenplan zu besprechen, Fragen zu erörtern, Perspektiven anzudenken. Das Palliativ-System gibt ihnen die Möglichkeit, anders zu agieren als es ihre Kolleg*innen tun können. Ich mache die Erfahrung, dass es hier Zeit für alle Fragen und alles Notwendige, was zu tun ist, gibt. So gehe ich zuversichtlicher (nicht nur) in meine nächste Chemotherapie.
Palliative Betreuung –mich in einen schützenden und bergenden Mantel einhüllen lassen –: was für ein wohltuendes Bild.