ungeschminkt
Nicht wenige Resonanzen, die Ute auf ihre Blog-Beiträge bekommen hat, bringen den Dank zum Ausdruck, dass Ute so offen, direkt und "ungeschminkt" ihre Gedanken niederschreibt. Bei "ungeschminkt" zucke ich zusammen.
Manches Mal hat mich Ute gefragt, ob das, was sie da gerade schreibt, zu direkt, zu offen, zu schroff ist, ob eine bestimmte Textpassage zu nahe geht. Nicht immer konnte ich ihre Frage nachvollziehen. Was bitte ist daran "zu direkt"? Ute war es wichtig, bei aller Klarheit nicht zu verschrecken, zu verletzten, dass also die Verbindung zu den Lesenden nicht abreißt. Ich meinte, dass das nicht zu kontrollieren sei und auch nicht kontrolliert werden müsse, wenn sich eine Autorin, ein Autor um Wahrhaftigkeit bemühe (was Ute immer getan hat). Es ginge vielmehr darum, das niederzuschreiben, was sie erzählen wolle. Aber Ute hat von ihrer Vorsicht nicht abgelassen. Es war ja Neuland für sie, mit dem, was sie in ihrem Blog schreibt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und Öffentlichkeit – was ist das für eine Öffentlichkeit?
Deshalb sind aus meiner Sicht nur ausgewählte ihrer Texte mit "ungeschminkt" zu beschreiben, am ehesten noch bei den Erfahrungen mit ihrem kranken Körper. Und auch bei "ungeschminkt" stellt sich die Frage: Wann und wie ist ein Text ungeschminkt, wann und wie geschminkt?
Wenn ich jetzt anfangen würde zu beschreiben, wie Ute auf ihrem Sterbebett liegt, welche Ausstrahlung ihr Gesicht hat, wie ihre Atemlaute und ihre Stille sich anhören: wäre das Unterfangen an sich schon von ungeschminkter Kunst? Und wenn ich schriebe, dass mich der Blick von Utes Augen, der die meiste Zeit nach oben gerichtet ist – an den ikonischen, nach oben in den Himmel gerichteten Blick der "Mater dolorosa", den schmerzerfüllten Blick der Gottesmutter Maria (oder schöner noch im Englischen der "Lady of Sorrow/Dame der Trauer") erinnert (wie hier in dem Bild)?
Ist das schöne Bild aus der Schule der Nazarener nicht allein schon Schminke? Oder zeigt es vielmehr in seiner Schönheit die wahre Geschichte des schmerzensreichen Blicks? Oder um hier mal das ganz Große aufzufahren: Gelingt es Johann Sebastian Bach mit seiner überirdisch schönen Matthäuspassion den größtmöglichen Schrecken und die unerträglichsten Schmerzen und das abgrundtiefste Leiden Jesu Christi auf das Vortrefflichste – also voll geschminkt – zum Ausdruck zu bringen? Wobei "vortrefflich" hier meint, dass wir den Schrecken, die Schmerzen, das Leid nachvollziehen können, in ihm einen Sinn erkennen, der uns noch dazu beim Hören der Musik auf das (noch einmal) Vortrefflichste erfüllt, vergnügt, glücklich macht, bewegt?
Sehr laute Sätze, die ich hier loslasse. Was gäbe ich darum, das mit Ute zu besprechen, zu diskutieren, gemeinsam nach den 'vortrefflichsten' Formulierungen zu suchen, uns gegenseitig zu schminken, die Nägel zu lackieren, wieder abzuschminken ... und was gäbet Ihr Lesenden darum, weiter und mehr von Utes Tag- und Nachtgedanken zu lesen?
Allein: Es ist leise im Zimmer, fast still, eine ruhige Atmosphäre stimmt den Raum.
Hin und wieder ist Utes Atmen zu hören, noch zu hören.
Ute dreht sich oft auf die rechte Seite, mit ihrem Gesicht in Richtung Fenster, ihr Kopf liegt dann wenige Zentimeter über den Bettrand hinaus. So als suche sie den Weg, ihren Weg über diesen Rand, über die Grenze hinaus. Ihr Blick, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Atem ist ungeschminkt – wenn ich das so schreiben darf.
[geschrieben von Christoph am frühen Abend des 6. August 2025]