im Hospiz

Einerseits ist es eine Entwicklung, die erleichtert: Ute hat auf der Palliativstation des Marienkrankenhauses so viel Stabilität gewonnen, dass sie ins Hospiz Kassel wechseln kann. Andererseits: Warum geht ein Mensch ins Hospiz?

Genau: um behütet und umsorgt und in aller Ruhe zu sterben. Es dauert auch keine zwei Stunden, dass Ute ihr Zimmer bezogen hat (und ich gottseidank wieder mit im rooming-in), da kommt die überaus nette und freundliche Krankenpflegerin herein und macht uns darauf aufmerksam, dass gleich der Bestatter am Fenster vorbeigehen wird, und wir, wenn uns das unangenehm ist, am besten die Vorhänge zuziehen. Wir lachen und Ute sagt in ihrer unnachahmlichen Art: „Kein Problem. Ich habe meinen Bestatter schon bezahlt.“ Es dauert dann doch noch eine Weile – Ute ist inzwischen vor Erschöpfung eingeschlafen –, dass „der Bestatter“ in Gestalt von zwei jungen, hübschen Männern vorbeigeht. Sie kommen nach kurzer Zeit wieder, diesmal mit einem Sarg zwischen sich. Das Bild brennt sich mir ein, weil ich mich instinktiv gegen den Gedanken wehre, dass dies auch einer meiner letzten Blicke werden wird, und dann auch deshalb, weil der Sarg auf einem zweirädigen Transportgestänge liegt und die beiden Jungs aufs Tempo drücken, wo doch Zeit jetzt eigentlich keine Rolle mehr spielt.

Apropos „überaus nett und freundlich“: Es ist wirklich unglaublich, aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hospizes heißen uns so warmherzig willkommen und umsorgen uns von der ersten Minute an so achtsam und fürsorglich, dass ich wie von selbst auf die Idee komme, alle Menschen sollten mal ein Praktikum auf der Palliativstation oder bei einem Palliativteam oder in einem Hospiz machen: einfach um die eigene Grundherzenswärme und Grundfreundlichkeit, die eigene Wahrnehmungsfähigkeit für Andere und die eigene Geduld auf ein großzügiges wie selbstverständliches Maß zu heben.

Als wir heute unsere Sachen im Marienkrankenhaus packen, frage ich Ute, in welcher Tasche sie ihre beiden Notizbücher haben wolle. „Egal“, antwortet sie, „ich schreibe nicht mehr, das schaffe ich nicht mehr.“

Ich hoffe doch!

(Wenn man aufs Sterben zugeht – egal ob es das eigene Sterben ist oder man auf diesem Weg mitgeht, ist es ein harter Kampf um jeden Moment der Normalität, um jedes ‚Lebensgefühl‘ wie beispielsweise am letzten Abend nebeneinander auf der Dachterrasse des Marienkrankenhauses zu sitzen und schweigend die vorbeiziehenden Abendwolken und ihr Spiel mit dem Sonnenlicht zu beobachten.)

[geschrieben von Christoph am Abend des 23. Juli 2025]

 

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