Ich hätte mir anderes gewünscht

Ich habe diesen Blog vor nunmehr zweieinhalb Monaten begonnen, um – wie ich in „über mich“ schreibe – meine Gedanken einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen. Auch will ich meine Familie, meine nahen und fernen Freund*innen, meine Bekannten und alle unbekannten Lesenden, die sich für das interessieren, was ich in meiner Situation erlebe und denke, auf dem Laufenden halten. Gerade das schaffe ich in letzter Zeit kaum noch. Als ich den Blog begann, habe ich nicht geahnt, wie rasant der Krebs in mir arbeitet und was er mir zumutet:

Eben dass ich schon so bald, zumindest zeitweise, nur sehr eingeschränkt würde kommunizieren können. Und auch für die, die mich begleiten, ist es eine Überforderung, die vielen liebevoll-besorgten Nachfragen zu beantworten. So ist und bleibt dieser Blog eine gute Möglichkeit, den Stand der Dinge, also wie es mir geht, allen Interessierten mitzuteilen. Und wenn ich es nicht selbst kann, dann muss eben Christoph ran.

Ich hätte mir anderes gewünscht. Zum Beispiel das Erzählen einer Hoffnungsgeschichte, von kleinen Wundersiegen gegen den Krebs, von Reisen und Erlebnissen, die dennoch möglich sind … ich habe da so wunderbare Vorbilder vor Augen. Doch ich schreibe meine ganz eigene Geschichte. Ebenfalls voller kleiner Wunder, aber mit viel Kampf und Ergebung. Mit Widerstand und Annahme.

Auf meine Blog-Texte erhalte ich viel Resonanz. Das habe ich so nicht erwartet und berührt mich tief. Da schreiben mir Menschen, die ich jahrelang nicht gesehen habe, die sich aber an gute Begegnungen und Erlebnisse miteinander erinnern und diese Erinnerungen und ihre Wahrnehmungen mit mir teilen. Wie gerne würde ich jede*r Einzelnen antworten. Einsteigen in ein „weißt du noch-Gespräch“. Und manchmal würde ich etwas verschämt nachfragen: So hast du mich wirklich erlebt? Das bedeute ich dir? Sicher kämen mir ab und an auch Tränen der Rührung. In meiner großen Bedürftigkeit und manchmal auch Verzagtheit sind diese Worte und Zeichen der Verbundenheit eine Art Superfood. Sie nähren mich.

Heute kam mir der Gedanke, warum wir uns solche Herzensworte nicht viel öfter mitteilen. Ich bin erkennbar auf meinem letzten Weg, auch wenn keiner weiß, wie lange mir hier (in welcher Verfassung) noch gegeben ist. Da fällt es offenbar leichter, Existentielles anzusprechen. Was wäre, wenn wir einander sagen, was ich an der/dem Anderen schätze. Was wäre, wenn ich dem/der Anderen sage, was ich Gutes in ihr/ihm sehe. Was wäre, wenn wir einander sagen, was uns an dem/der Anderen schmerzt. Was wäre, wenn …

Und da flitzte noch ein ganz anderer Gedanke durch meinen Kopf: Ich habe keine Kraft und Lust mehr, mich mit dem, was sich in der Welt abspielt, zu befassen. Es ist doch diese eine unsere Welt, auf der meine Enkel heranwachsen. Auf der sie ihr Leben leben und gestalten wollen. Wieviel Energie und Hoffnung habe ich in meinem Leben in die Vision einer besseren, gerechteren Welt gesteckt? Für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung! Habe versucht die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Was bleibt? Ich sitze hier und schreibe in einem Blog, dass ich abführen konnte (juchuh!!!) oder wie meine letzte Nacht war. Ich habe mich in meine Welt mit ihren ganz eigenen Themen und Herausforderungen zurückgezogen – und hier werde ich auch bleiben und von hier aus schreibe ich über das, was mir durch den Kopf geht.

Zum Beispiel gerade jetzt, dass durch meinen Blog auch etwas Licht in die Welt kommt. Wenn Menschen einander Gutes sagen und Gutes denken und sich gegenseitig bestärken, dann hat das eine Wirkung. Und ich habe eine Menge Gutes zu erzählen. Gerade heute hatte ich eine tolle Begegnung mit der stellvertretenden Leiterin des Wehlheider Friedhofs. Allein die Tatsache, dass ich in der Lage war, einen Ausflug dorthin zu machen, ist großartig. Das wäre gestern unmöglich gewesen. Und dann nimmt sich diese junge Frau spontan Zeit, um mit uns über den Friedhof zu spazieren, Grabstätten anzusehen, mich zu ermutigen, MEIN Grab in Ruhe auszusuchen. Hochengagiert und kompetent und einfach unglaublich freundlich.

Ach was gibt es doch so viel Gutes zu erleben. Und wieder einmal: Die heilige Geistkraft weht, wann und wo sie will …

 

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