Abschiede

Es gibt keine Zeit in meinem Leben, in der ich so intensiv mit Abschieden befasst war wie jetzt.

Zum Beispiel das vergangene Wochenende und der heutige Tag waren voll von Besuchen und damit auch voll von Abschieden. Sechs Freundinnen hatten sich aufgemacht, waren angereist aus Hamburg, Berlin, Wiesbaden, Schwarzwald, Ringgau, um mich – aufgepasst jetzt kommt`s: – noch ein Mal zu sehen.

„Noch ein Mal zu sehen“: Da schwingt sie mit, diese Ungewissheit, die mich mitsamt meiner unberechenbaren Krebserkrankung umgibt. All die, die weit entfernt wohnend nicht eben bei mir vorbeischauen können, sie fragen sich, ob das wohl ein letzter Abschied ist – und ich frage mich das ebenso. Frage mich, wo ich stehe mit meiner Erkrankung. Kommen die penetranten Rückenschmerzen vom Krebs oder vom vielen Liegen, was ist mit der Übelkeit etc.?

Am Sonntag hatte ich richtig Glück. Ich hatte einen guten Tag. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen. Ich war wach und konnte das Zusammensein mit den Freundinnen genießen. Gemeinsam singen, Fotos anschauen, Erinnerungen austauschen, lachen und weinen; vor 20 Jahren waren wir erstmals gemeinsam zum Fasten in ein Ferienhaus an der Ostsee in Dänemark gefahren.

Und dann sollte natürlich auch eine je einzelne Zeit drin sein. Und eben je einzelne Abschiede. Doch was ist, wenn ich einfach noch eine ganze Weile weiterlebe? Neues Treffen, neuer Abschied, und dann ist gut? Da ist irgendwie ein ganz schönes Durcheinander in mir.

Egal wie, ich bin dankbar für dieses Miteinander. Bin tief berührt von all dem, was wir Freundinnen uns gesagt haben … was wir unter anderen Umständen vermutlich nicht ausgesprochen hätten. Vielleicht macht genau das am Ende einen guten Abschied aus: etwas ist ausgesprochen …

[Das schrieb ich am späten Abend.]

 

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